
Nicht nur für Helden ein Problem. Wie WikiLeaks unseren Umgang miteinander verändert. Oder es bereits hat.
Wie wird man Spion?
Stellt man diese Frage dem Erdferkel, so erhält man prompt eine Antwort, ausgerechnet aus Beijing. Darin heißt es, die Ausbildung beginnt mit 13 Jahren “at spy school” und dauert 8 Jahre. Verdienstmöglichkeiten: Etwa 80.000 US-Dollar pro Jahr plus Ausgaben. Informationen sind eben Gold wert. Darum wird WikiLeaks von einigen Politikern auch gerne mal mit der Stasi verglichen. Und selbstverständlich versucht man den Spionen, äh, Maulwürfen, auf die Spur zu kommen. Alle hat man noch nicht. Also die deutschen, nicht die chinesischen.
Neue Möglichkeiten, neue Denke
Seit WikiLeaks ist uns klar geworden, dass wir inzwischen anders denken. Mehr oder weniger unfreiwillig. TV ist veraltet. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo Science-Fiction-Filme aus den 90ern Kult werden und das Attribut “retro” erhalten. Wer würde sich denn noch die Mühe machen, in ein Radioobservatorium einzubrechen, um die TV-Spur sämtlicher Fernsehkanäle mit einem ach so brisanten Video zu überlagern? Heutzutage lädt man es in WikiLeaks! Oder Youtube! Oder Facebook! Das Medium Internet ist angekommen und nach allem, was man so hört, wird es weitere solcher Plattformen geben. Auch WikiLeaks selbst arbeitet daran, den verantwortungsvollen Umgang mit den hochgeladenen Daten zu verbessern, um Informanten zu schützen und so aus der vierten (der Presse) vielleicht sogar eine fünfte Staatsgewalt zu machen: das Internet.
Neue Denke, neue Richtlinien?
Solange diese Staatsgewalt fleißig publiziert, lohnt sich daher auch der Blick in die Büros. Die Büros, aus denen es sich lohnen würde, brisantes Material zu stehlen. Doch gut gemeinte Social Media Guidelines für Mitarbeiter werden vermutlich nichts bringen. “Verstehen Sie doch bitte, Sie dürfen das nicht veröffentlichen.” Und die 10 ultimativen Social Media Gebote scheinen hier auch nicht mehr vollständig zu greifen. Quintessenz aus unserer Medienbeobachtung: Wer wirklich Informationen hochladen möchte, wird es vermutlich auch schaffen. Die Frage, wie es danach mit der Karriere aussieht, ist eine andere.
Karrierekiller WikiLeaks
Aber nicht nur wer Dokumente hochlädt ist gefährdet. Wie sieht es mit dem Lesen dieser Dokumente aus, wenn man weiß, dass sie eigentlich geheim sind? Die Debatte, die an der University of Columbia losgetreten wurde, wird sicher noch einige Kreise ziehen. So sollen Studenten oder überhaupt alle, die später im diplomatischen Dienst arbeiten wollen, die Dokumente weder lesen noch verlinken. Dass dies ein eindeutiger Verstoß gegen die Informations- und Meinungsfreiheit ist, musste sich inzwischen auch Columbia-Universität eingestehen. Doch die Warnung bleibt bestehen und bedeutet unter Umständen, dass man sich ein neues Karriereziel suchen muss. Oder hat Ihnen schon mal ein Personalchef verraten, warum Sie nicht eingestellt worden sind?
Schlimmer als beklaut zu werden…
… ist allerdings Ihre eigenen Inhalte selbst hochzuladen und sich damit jobtechnisch ein Bein zu stellen. Daher können wir an der Stelle WatchYourWeb empfehlen, eine Website, die darüber informiert, was man mit dem Internet noch so alles anstellen kann. Schaden kann es nicht. Und manch einem öffnet der Web-Test zusätzlich die Augen, frei nach “Welcher Ego-Leaks-Typ bist du?” Wem das alles egal ist, kann in der Zeit ja Assange vs. Obama spielen. Jedenfalls verlieren wir dadurch unseren Job nicht. Erstmal.
Alles eine Frage der Perspektive
“Man stelle sich vor, Julian Assange hätte geheime Dokumente aus China veröffentlicht. Er wäre für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden.” Womit wir wieder bei unserem Spionageexperten aus Beijing sind. Wieso läuft es immer auf China hinaus? Tatsache ist, Assange ist wieder frei und wir wissen nicht mehr, wer die Bösen sind. Vielleicht ist auch niemand der Böse. Aber die neu gerüsteten Staatsgewalten werden wohl oder übel lernen müssen, miteinander auszukommen.
(Autor: A. Sokolowski | Comic: A. Korkis | Quelle: Archiv)
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