
1) Frankfurt am Main – Blick auf den Römer - Ayu Damayanti, 2011
In der Kolumne “Hier bin ich Mensch, hier darf ich (‘s) sein” erzählt unsere externe Redakteurin Annette von Spiegel von jungen Menschen, die es aus fernen Ländern nach Deutschland verschlagen hat. Oft haben sie viel Leid erfahren und einen harten Weg hinter sich, manche hatten es etwas einfacher. Aber immer haben sie viel Hoffnung im Gepäck. Kann man in Deutschland auf Ausbildung, persönliche Entwicklung und, vielleicht später, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen?
Desi aus Bulgarien
Heute erzähle ich euch von Desi, einer jungen Frau aus Bulgarien, die ich ganz gut kenne. Sie hat mich beeindruckt, weil sie ihren Weg fast wie nebenbei gegangen ist. Und geht. Und zwar erfolgreich. Sie sagt dazu „Ich weiß gar nicht, was ich Dir erzählen soll – was ist so Besonderes an mir?“ Für MICH ist es IMMER eine besondere Geschichte, wenn jemand in ein anderes Land geht und dort seinen – bzw. ihren – Weg macht!
Dass es Desi mal nach Deutschland verschlagen würde, war nicht absehbar gewesen. Obwohl es in Bulgarien, so habe ich heute im Gespräch mit ihr gelernt, offenbar nicht unüblich ist, ab der 7. Klasse ein deutsches, englisches, französisches, spanisches … Gymnasium zu besuchen. Hat sie aber nicht. Allerdings hatte sie Deutsch als zweite Fremdsprache, und zwar von der 7. bis zur 11. Klasse.
Sprach-Pilger
Klasse! Denn Euch wird es vermutlich nicht anders gehen als Desi und mir: Da pilgert man mit in der Schule erlernten Fremdsprachen-Kenntnissen ins Land der erlernten Sprache und versteht … nicht mal Bahnhof. Sprachunterricht in der Schule ist eben doch anders als das, was „im echten Leben“ gesprochen wird.
Aber zurück nach Bulgarien. Desi ist 19, hat ihr Abitur gemacht, hat einen Freund – alles im Lot. Sie möchte studieren, so macht man das, aber der zündende Funke bleibt aus. Wie bei uns mit BWL war die laue Vision damals „Wirtschaft oder so …“. Sie jobbte, bereitete sich halt mal so auf die Aufnahmeprüfungen für’s Studium vor – was man halt so macht nach dem Abi, wenn das Herz nicht für eine berufliche Richtung schlägt.
Blond und in Deutschland…
Irgendwann lernt sie – im Chat – einen jungen Mann kennen. Garnicht ihr Typ, denn er ist blond
„Aber mir war es langweilig, und so habe ich ihn getroffen. Wir waren Kaffee trinken, dann haben wir das Lokal gewechselt, dann waren wir essen. Und dann noch mal Kaffee trinken.“ Ich erlaube mir mal vorwegzunehmen: Die zwei sind mittlerweile seit 12 Jahren zusammen, und nicht nur ich habe den Eindruck: Das könnten auch nochmal 36 mehr werden
)
Damals galt jedenfalls: Blöd nur, dass dieser Typ zwar auch Bulgare ist, aber in Deutschland lebt. Sie halten täglich Kontakt, und irgendwann stellt sich die Frage, ob sie denn nicht auch in Deutschland studieren und zu ihm kommen könnte. Sie macht sich Gedanken: „Ein deutsches Diplom wird häufiger anerkannt als ein bulgarisches“ … „Diejenigen, die nach Deutschland gingen, sind auch geblieben – so schlecht kann es dort also nicht sein“ … „Na, wenn alle Stricke reißen: Zurück kann ich immernoch!“

2) – Bücher – Ayu Damayanti, 2011
Ein Versuch – Drei Monate
Also beantragt sie zwei Jahre, nachdem die beiden sich kennen gelernt haben, das übliche Dreimonats-Touristen-Visum, um Deutschland zu inspizieren. Und wir scheinen Gnade gefunden zu haben, denn sie beschließt, nach Deutschland zu gehen und dort zu studieren: Den Anfang macht sie mit einem VHS-Deutschkurs: „Ich war vielleicht ein bisschen arrogant und bin nicht in den Anfänger-Kurs gegangen, weil ich dachte, es reicht, wenn ich vorher noch in den alten Büchern aus der Schule blättere“.
Deutsch-Intensiv ist auch intensiv
Es folgt ein Deutsch-Intensiv-Kurs von einem Semester, der sie auf ein Studium vorbereitet: Die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH)“. „Das war wirklich nicht leicht. Wir waren 14 oder 16 Teilnehmer, und vier sind wirklich durchgefallen.“ Nun, sie gehörte zu denjenigen, die die Prüfung durchgestanden haben. Ungemein praktisch in dieser Zeit: „Wir hatten im Grunde einen Studenten-Status. Unter anderem konnte ich also z. B. arbeiten.“ Sie kellnerte zum Teil bis morgens um sechs Uhr, ihr Freund stand nachts auf, um sie von der Arbeit abzuholen. Die DSH-Prüfung war geschafft, sie konnte sich für einen Studienplatz bewerben. Da sie sich in Bulgarien auf Mathe und Englisch eingeschossen hatte, suchte sie hier nach etwas Ähnlichem und grinst, als sie sagt: „Und natürlich wollte ich viel Geld verdienen!“
Wer will schon Informatik studieren?
Nach ihrer Aussage übrigens ein Studiengang, den 60-70 % „Leute mit ……. wie heißt das noch? Nicht Ausländer …… ah, `mit Migrationshintergrund` belegen!“ Wir rätseln, warum das wohl so ist. Fazit: „Mathematik ist international. Und man muss keine Texte verfassen!“ Wie praktisch, dass Informatik keine Zugangsbeschränkungen hatte („Wer will schon Informatik studieren?!“), und so bestand auch nicht die Gefahr, von der ZVS in eine andere Stadt versandt zu werden.

3) Frankfurt-Bockenheim – Blick auf den Messeturm - A. v. Spiegel, 2011
Orientierung in urbaner Eintönigkeit
Auf meine Frage nach anfänglichen Schwierigkeiten überlegt Desi einen Moment. „Also .. ich fand, dass in Deutschland alle Häuser gleich aussehen! Ich habe mich einfach nicht orientieren können. Ein Mal z. B., da war ich schon ein Monat hier, waren wir in dem Waschsalon [Anmerkung: von deren Wohnung ca. 100 m in derselben Straße], weil wir gerade keine Waschmaschine hatten. Aber wir hatten das Waschpulver vergessen. Ich habe gesagt, ich hole es, und nach fast einer Stunde war ich wieder da: Ich hatte mich total verlaufen, weil einfach alles gleich aussieht!“ [Anmerkung: Es handelt sich aber auch wirklich um ein Viertel mit Standard-Nachkriegs-Bauten]
(Autor: Annette v. Spiegel | Thumb: A. Damayanti, www.mentoring4u.de | Bild Artikel: 1+2) A.Damayanti, 3) A.v. Spiegel )
Die Fortsetzung von Desis Geschichte finden Sie hier am kommenden Sonntag, 20.11.2011. Schauen Sie einfach rein!
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