
1) Frankfurt am Main – Bahnhofshalle - Wikipedia, 2011
In der Kolumne “Hier bin ich Mensch, hier darf ich (‘s) sein” erzählt unsere externe Redakteurin Annette von Spiegel von jungen Menschen, die es aus fernen Ländern nach Deutschland verschlagen hat. Oft haben sie viel Leid erfahren und einen harten Weg hinter sich, manche hatten es etwas einfacher. Aber immer haben sie viel Hoffnung im Gepäck. Kann man in Deutschland auf Ausbildung, persönliche Entwicklung und, vielleicht später, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen?
Desi aus Bulgarien
Heute erzählt sie die Fortsetzung der Geschichte von Desi, einer jungen Frau aus Bulgarien. „Und am Anfang habe ich nur Steaks und Pommes gegessen. Und O-Saft getrunken. Weil … ich musste ja ein bisschen aufpassen wegen dem Essen hier.“ Ich staune: Ich kannte nur die Perspektive als mitteleuropäischer Tourist in so genannten Schwellen- oder Entwicklungsländern. Dass man UNS unterstellen könnte, dass man Vorsicht walten lassen müsste mit unseren Lebensmitteln, da war ich bisher nicht drauf gekommen!
Hessisches Nationalgetränk und echte Briefe
„Und Apfelwein. Sauer gespritzt, das ist gut“ höre ich den Nachsatz – ich, die Apfelwein nicht sonderlich ausstehen kann, obwohl ich hier geboren bin. Ich teile da fast vollends die Meinung eines Bekannten aus Franken: „Schmeckt irgendwie wie Pferdepisse …“. Ich frage nach Heimweh. „Ja, das gab es sehr viel. Ich habe jeden Tag telefoniert, mit meinen Eltern, mit meinen Freundinnen. Und wir haben viele Briefe geschrieben.“ Sie lächelt mädchenhaft: „So RICHTIGE Briefe – Papier und so …“. Ich wundere mich: „Aber das war vor 10 Jahren ungefähr. Da gab es doch schon Mail und so … Chat …“. Sie lächelt: „Aber so ein Brief, auf Papier, das ist schon etwas persönlicher ……“. Mensch. Da hat sie einfach recht! Sie ergänzt: „Und Päckchen haben sie geschickt ..“, lacht vergnügt: „… als wenn es hier NICHTS gäbe!
“ Ich bin gerührt ob dieser einfachen, aber so wichtigen Dinge.
Studium in Deutschland
„Aber wie war denn nun dein Studium?“, frage ich. Ein weises, verschmitztes Grinsen: „Ja … am Anfang, da haben wir viel im Café gesessen. Es gab Leute, die waren schon im dritten oder fünften Semester, und die haben erzählt, wie man es machen muss, und wir hatten eine gute Zeit.“ „Ich habe am Anfang einfach nur viel geschlafen, ich weiß auch nicht, warum“, sagt sie. Und ich erinnere mich an meinen eigenen Studien-Beginn: Da war ich meist gegen 15 Uhr zu Hause – und habe mich, Nachteule, die ich bin, auch erstmal hingelegt. Es gab zu Beginn einfach so viel aufzunehmen, zu verarbeiten – das scheint echt müde zu machen.
Und ich denke „Jooo … Studenten-Leben halt …“.
„Am Ende habe ich aber die Prüfungen nicht bestanden, und Leute, die es nicht so drauf hatten wie ich, haben das Semester geschafft! Ich war total sauer! Aber das war eine gute Lektion gleich am Anfang, denn in Deutschland muss man SCHON alles wissen für die Prüfung! Und nicht umsonst saßen diese Drittsemester, die uns Tipps gegeben hatten, mit uns Anfängern in denselben Kursen und in der Cafeteria …“.
Die Prüfungen des zweiten Semesters hatte sie dann auch bestanden und sagt „Das gibt einem dann so eine Befriedigung, man kann garnicht mehr aufhören!“ (Ich dachte nur leise: „Hm … ich wünschte, ich hätte das während meines Studiums AUCH gespürt!) „… und wenn man die schriftliche Prüfung hatte, kam noch die mündliche.“ Ich sagte „Oh. Das würde mich ja voll stressen: Ne Abschluss-relevante Prüfung in einer anderen Sprache ……. und dachte an Vorstellungs-Gespräche auf englisch.

2) – Zahlenwelten - Illustration: A. Damayanti, 2011
Die Top-Ten der deutschen Unternehmen
Desi: „Nein. In einem Vorstellungsgespräch wird ja auch soziale Kompetenz und so weiter gecheckt. An der Uni wird tatsächlich einfach geschaut, ob du den Stoff verstanden hast.“ Sechseinhalb Jahre hat sie studiert und liegt damit innerhalb der „Toleranzzeit“. Nicht der erste Begriff, den ich als Deutsche mit Allgemeiner Hochschulreife („Abi“) zum ersten Mal höre
. Sie hat ihren Abschluss übrigens „mit 1,6 oder 1,7“ gemacht … „Ja, und wie ging das dann bei dir weiter? Ich erinnere mich an einen dubiosen Vorstellungstermin mit Chauffeur …“. Sie winkt ab: „Also … es gibt Ranking-Listen wie “Die-Top-10-Firmen Deutschlands” und so. Die muss man nicht vernachlässigen. Ich hatte zunächst einmal einen Termin, der war nix. Ich hatte mich da beworben und gedacht, das ist so ein lockeres Gespräch wie für meine Studenten-Jobs. Aber das war nicht so. Da kamen Fragen wie “Warum haben Sie sich während Ihres Studiums für diese Spezialisierung entschieden?” Da konnte ich ja schlecht sagen „Weil der Typ in der Cafeteria damals gesagt hat “Der Prof ist voll geil!“

3) Die MINT Fachkräftelücke – Graphik: Statista, 2011
Formalien, kein lockeres Gespräch
Ich habe gesehen: Die mochten mich, aber sie waren enttäuscht von mir. Ich hätte zu jedem Punkt in meinem Lebenslauf 3 – 4 Minuten frei erzählen können müssen! Da gab es tatsächlich Formalien, die man einzuhalten hat.“ Ich war wiederum beeindruckt von dieser klaren Zusammenfassung! Auf die Frage nach dem Stress mit dem Vorstellungsgespräch in einer anderen Sprache sagt Desi: „Wenn ich mir nicht sicher war, habe ich gesagt “Bitte formulieren Sie die Frage etwas anders“ – und ich bin voller Bewunderung für ihre pragmatische Sicht auf die Dinge. Etwas mehr davon hätte ich wirklich auch gerne …
Bei Anruf – Job
Ihr zweites Vorstellungsgespräch kam dadurch zustande, dass sie ihr Profil auf einem der großen Portale gepostet hatte: „Ich hatte – Kontakt per e-Mail bevorzugt – angegeben, und trotzdem klingelte dauernd mein Handy. Ich war total genervt und bin nicht dran gegangen. Irgendwann habe ich die Mailbox mal abgehört und zurückgerufen.“ Eines der DAX-notierten Unternehmen lud sie zum Gespräch nach Süddeutschland ein, und diese Dinge kann ich sogar aus eigener Erinnerung wiedergeben. Ihr potenzieller zukünftiger Chef, der – wie sie – in Frankfurt wohnte, bot ihr sogar an, sie mitzunehmen zum Gespräch nach Süddeutschland. Sie wollte aber lieber mit der Bahn fahren, um vor dem Gespräch ihre Ruhe zu haben. Es ging gut: Seit 15 Monaten ist sie in einem Trainee-Programm, das dann in der Folge diese qualifizierten Mitarbeiter ins Haupthaus übernimmt.
Desi wirkt zufrieden. Sie steht aus meinem Sessel auf, im Begriff zu gehen, und sagt „Oh, ich hab zu viel Muskelkater – von zu viel Schlafen“. Sie hat gerade ein paar Tage Urlaub …
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(Autor: A. v. Spiegel | Thumb: A. Damayanti, www.mentoring4u.de | Bilder Artikel: 1) www.wikipedia.de | 2) A.Damayanti | 3) www.statista.com )
Den ersten Teil von Desis Geschichte finden Ihr/Sie hier. Was habt Ihr/haben Sie für Erfahrungen im Ausland gemacht? Schreibt/Schreiben Sie uns an redaktion@mentoring4u.de ! Die spannensten Erfahrungsberichte werden hier auf www.mentoring4u.de veröffentlicht.
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