2571 – Wettbewerbsbeitrag „Junge Redaktion“ 01/13

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gepostet am : 13-01-2013 | von : m_weiss | Kategorie : Gastautor, Junge Redaktion
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Die Autorin: Valeria Wildner

20. August 2571

Ich heiße C884, ich bin ein Roboter.

Das sage ich euch nur, weil ich weiß, dass zuvor Menschen die Welt bewohnt haben und wer weiß was in der Zukunft sein wird. Auf jeden Fall heute sind wir alle Roboter.

Alle gleich, alle grau, alle gegeneinander.

Das Einzige, das wir machen (und ich auch bis zum letzten Jahr), ist produzieren und verbrauchen. Kaufen und wegschmeißen. Niemand hat Gefühle, außer Hass. Man hat keine Zeit um froh zu sein, keine Zeit eine Familie zu haben. Man ist einsam.

Es war der 15. September 2570. Es regnete und plötzlich sah ich ein Mädchen, die einer alten Frau helfen wollte. Sie fragte die alte Frau, ob sie unter ihrem Regenschirm laufen wolle, da sie keinen hatte. Die alte Frau schrie: „Lass mich!“ und lief böse weiter. Die anderen Roboter, die auch da standen, schauten das Mädchen ebenfalls böse an und liefen weiter. Plötzlich kamen aus den Augen des Mädchens Tränen. Ich hatte nie so etwas gesehen, aber sie schien traurig zu sein.

In diesem Augenblick ist mit mir etwas passiert. Etwas in meinem Inneren hat mich dazu getrieben, etwas ganz Verbotenes zu tun. Ich redete sie an:

„Hallo, es tut mir leid, was ihnen passiert ist, aber sie sollten nicht traurig sein“.

Sie war überrascht und lächelte: „Sie haben keine Schuld, trotzdem Danke. Wer sind sie?“

„Ich heiße C884, aber ich finde den Name Giosué viel schöner. Er ist ganz alt, das habe ich

einmal in einem Buch gelesen…“.

„Hallo Giosué, dann leben sie seit mehr als zwanzig Jahren, damals konnte man noch Bücher lesen.“

So fingen wir an zu reden und sie erzählte viel über sich: sie hieß D108, aber sie liebte den Namen Helena, sie mochte nicht viel in unserer Gesellschaft. Ihr Geheimnis war, dass sie alles, was verboten war, trotzdem machte und dass sie viel, das es in unserer Kindheit gegeben hatte, behalten hat. Sie hatte noch ein Buch und sie schrieb Gedichte, sie hörte Klassische Musik und sie hatte einen Traum: „Ich möchte in einer anderen Welt oder in einer anderen Zeit leben. Ich möchte frei sein und alles sagen können, was ich denke, alle sollten das können! Ich möchte den Leute helfen und glücklich sein!“.Während sie das sagte, leuchteten ihre Augen und das schwöre ich: ich hatte nie so etwas Schönes gesehen. Leider musste sie gehen, aber ich wollte sie wiedersehen, deshalb machten wir ein Treffen für den nächsten Tag aus.

Am nächsten Tag kam sie aber nicht. Und an den Tagen danach auch nicht. Ich sah sie nie wieder.

Aber diese Begegnung hat mich verändert.

Ich ging nicht mehr arbeiten und fing ich an, um mich herum mehr zu schauen, und nicht alles für Recht hinzunehmen. Ich fing an zu träumen. Ich suchte jemand oder etwas, das wirklich für mich wichtig sein könnte. Ich suchte einen Grund zu leben. Ich fing an, in der Welt herumzugehen, ich wollte mit den Leute reden, um ihnen die Augen auf zu machen, wie Helena meine aufgemacht hatte. Aber alle hatten Angst vor mir und hörten mir nicht zu. Auch meine Bekannten, zuerst lachten sie mich aus, dann entfernten sie sich, dann bekam ich Strafen und Drohungen von der Polizei und von der Regierung.

Ich war zu einer Gefahr für die Gesellschaft geworden und entweder hörte ich auf oder mit mir würde etwas Schlimmeres passieren.

Ich ging weiter.

Aber heute rief mich die Polizei an und ich habe schon alles verstanden. Ich habe mich erinnert, dass Helena vor unserem Treffen noch zur Polizei gehen musste (ich dachte damals, sie hätte etwas verloren) und ich hatte sie nie wieder gesehen.

Ich werde heute sterben. Wie Helena und alle Helden, die anders sein wollten.

Deshalb schreibe ich diesen Brief und grabe ihn in meinen Garten ein, mit der Hoffnung, dass irgendwann jemand ihn findet.

Ich klage meine Gesellschaft an, in der man nicht frei leben und denken kann. Eine Gesellschaft, in der die Leute Unmenschen sind, ohne Gefühle, die nicht akzeptieren, wenn jemand anders ist.

Wenn du anders bist, wenn du protestierst, wirst du von der Polizei umgebracht. Und das nennen sie Frieden und Freiheit. Ich nenne das leise und versteckte Diktatur, Kontrolle, Vortäuschung.

Meine Aufforderung ist die Ablehnung einer solchen Gesellschaft, wenn nicht einer anfängt sich zu ändern, wird alles so bleiben und das könnt ihr nicht erlauben.

Sie werden viel Mut und Willenskraft brauchen, aber nur so werden sie wirklich leben.

Ich habe die besten zehn Monate meines Leben verbraucht und das wünsche ich jedem Nachkommen.

Ich trage jetzt die Folgen meiner Endscheidung ohne Bedauern.

Vielleicht werde ich in dem nächsten Leben Helena treffen. Das ist mein Haupttraum.

Viel Glück und leben sie wohl.

Giosué

Valeria Wildner

Die Autorin ist Austauschschülerin aus Italien und für ein halbes Jahr in Deutschland in einer 10.Klasse eines Gymnasiums: „Ich war und bin immer noch von Deutschland und seinen Bewohnern, seiner Sprache angezogen„.

Redaktion Mentoring4u:
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(Gastautor „Junge Redaktion“:  Valeria Wildner  / Thumb: Redaktion Mentoring4u)


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