Vielfalt à la carte! Oder: Was heißt eigentlich Diversity? – Gastbeitrag „Junge Redaktion“

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gepostet am : 03-06-2013 | von : Koltermann | Kategorie : Gastautor, Junge Redaktion
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Beobachtet man die gesellschaftliche Debatte dieser Tage, so ist in den letzten Jahren viel davon die Rede, dass die Gesellschaft Verschiedenheit als Chance begreifen solle. In besonders hippen Ausschreibungen oder Publikationen heißt das dann „Diversity Management“.

Doch welche Vielfalt ist gemeint?

Wessen Andersartigkeit wird  hier positiv wahrgenommen und gefördert? Auffällig ist, dass Vielfalt als Chance fast ausschließlich im Kontext der Islam- und Zuwanderungsdebatte thematisiert wird. Gemeint ist also kulturelle Vielfalt. Es gibt Programme, die mehr Migranten in den öffentlichen Dienst holen wollen, Versuche Migranten zum THW oder in die Feuerwehr zu locken. Dies erscheint wohl wie ein Versuch, sie in deutschem Brauchtum zu unterweisen.

Es gibt bei den Begabtenförderungswerken Sonderprogramme, um mehr Migranten in die Wissenschaft zu bringen. Der „Neue Medienmacher“ stellen ein Programm zur Förderung des Quereinstiegs von Migranten in den Journalismus bereit. Kurz und gut: Migranten sind, nachdem wir sie Jahrzehnte eher vernachlässigt haben, plötzlich eine hippe Zielgruppe. Sie haben, so scheint es, plötzlich einen Wert für diese Gesellschaft. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Diese Programme sind begrüßenswert. Nachdenklich stimmt lediglich der in ihnen zum Ausdruck kommende Begriff von Vielfalt. Dieser ist zu eng und schließt die Perspektiven von weiteren „Randgruppen „aus.

Gemeint sind hier im Besonderen die Schwerbehinderten. Und unter diesen wiederum vor allem jene 40%, die unter äußerlich sichtbaren Einschränkungen leiden, und weniger jene rund 60% ,die zum Beispiel nach einer Krebs-OP als schwerbehindert gelten, ohne deren Leid bagatellisieren zu wollen.

Bemerkenswert ist, dass es trotz des überall postulierten Fachkräftemangels keine Debatte über die Frage gibt, wie man die Potenziale Behinderter besser nutzen kann. Zwar gibt es seit einigen Jahren eine Debatte um Schulen, die Behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam unterrichten. Diese Diskussion wird allerdings lustlos und widerwillig geführt. Es gibt auch keine offensive getragene Förderung für begabte und gleichzeitig behinderte Studierende (Inklusion). Auf die Tatsache, dass eingeschränkte Menschen mindestens zwei der vier üblichen Auswahlkriterien, kurze Studiendauer, exzellente Noten, internationale Mobilität und gesellschaftliches Engagement behinderungsbedingt nicht erfüllen können, wird nicht eingegangen.

Auch auf dem freien Arbeitsmarkt sieht es schlecht aus. Behinderte sind überdurchschnittlich oft langzeitarbeitslos, was inzwischen zunehmend auch für hochqualifizierte gilt.

Warum aber ist das Interesse Behinderte in die neue vielfältige Gesellschaft aufzunehmen, im Gegensatz zu Migranten so wenig ausgeprägt?

Vermutlich liegt es daran, dass dem Gros der Gesellschaft Behinderte schlicht egal sind. Man ist an ihrer Perspektive auf die Gesellschaft ihren Potenzialen und ihrer Arbeitskraft nicht interessiert. Viele Arbeitgeber scheinen sogar zu bestreiten, dass Behinderte überhaupt über nutzbare Potenziale verfügen. Behinderte gelten als nicht leistungsfähig. Selbst wenn sie gut qualifiziert sind, ist die schizophrene Argumentation, der Betroffene sei zwar gut ausgebildet, könne aber wegen seiner Behinderung die Anforderung am Arbeitsplatz nicht erfüllen, nicht selten. Dies gilt trotz eines ganzen Füllhorns von Fördermöglichkeiten, auf die willige Arbeitgeber zugreifen können.

Von Nöten ist ein Wandel auf der Arbeitgeberseite. Hier könnten Mentoringprogramme einen wichtigen Beitrag leisten, In sie sollten dann auch Behindertem, die den Berufseinstig geschafft haben, gezielt eingebunden werden. Es muss viel stärker anerkannt werden, dass auch Menschen mit Behinderungen grundsätzlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten leistungsfähig sind.

Auch eine drastische Anhebung der Ausgleichszahlung für die Nichterfüllung der Behindertenquote kann ein Mittel sein, um die Wirtschaft aufzuwecken und zu einem breiten Begriff von Vielfalt zu gelangen. Der kann diese Gesellschaft endlich umfassend bunt und tolerant machen.

Weiter Informationen finden Sie auch hier und hier.

(Autor: Henning Schmidt, Doktorand UNI Marburg)

Die mentoring4u Redaktion behält sich vor, Leserbriefe / E-Mails – mit vollständigem Namen, Anschrift und E-Mail-Adresse – auch gekürzt zu veröffentlichen. Gastbeiträge spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.


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