Einfach mal app-schalten

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gepostet am : 01-01-2014 | von : m_weiss | Kategorie : Gastautor
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Lamya Kaddor

Vorsätze sind so ziemlich das Schlimmste, was man sich für ein neu beginnendes Jahr machen kann. Nicht mehr rauchen, weniger trinken oder mehr Sport sind die beliebtesten Dinge, an denen man dann ein Jahr lang das Scheitern vorzeigen kann, um im kommenden Jahr genau die gleichen Vorsätze zu fassen. Wir machen uns etwas vor.

Auch wenn ich mich nicht sonderlich alt fühle, so merke ich, dass meine Kindheit und Pubertät so ganz anders verlaufen sind als die heutigen. Als ich den 80ern und 90ern groß wurde, da konnte man vielleicht wirklich noch Kind sein. Es gab keine Gegenstände, von denen man abhängig war. Das Mobiltelefon war zwar schon in greifbarer Nähe, aber eben noch nicht da. Der sogenannte „C 64“ eroberte den Markt und begann, die Süchte der Menschen einzufangen.

Es klingt alles nach Verteufelung, nicht wahr? Soll es gar nicht. Der technische Fortschritt ist ein Segen für uns Menschen. Er zeigt schließlich, wozu wir Menschen in der Lage sind. Der Mensch kann erfinden, ja irgendwie erschaffen – geradezu göttlich. Anders als die göttliche Schöpfungskraft, die unendlich ist, erfinden wir immer wieder neu und anders. Die Richtung dabei ist allerdings stets klar: höher, schneller, weiter und ja, noch mehr. Unsere Erfindungen sollen unser Leben erleichtern und bereichern – je mehr, desto besser – denken wir.

Bei all dem Erfinderreichtum und der regelrechten Jagd nach Rekorden haben wir alle vergessen, dass Fortschritt dem Menschen dienen soll und nicht andersherum. Wir alle kennen es inzwischen: Handy morgens beim Aufstehen, auf der Toilette, während des Unterrichts, während des Essens, im Kino, beim Date, und beim Zubettgehen. Es gibt inzwischen gar keinen gesunden Abstand mehr zu diesen Dingen. Die Welt spricht von Apps, Games und Facebook und twittert.

Der Anblick von Smartphones überall nervt gewaltig. Am Frühstückstisch wird inzwischen nicht mehr miteinander gesprochen, nein! Zur Not kann man sich ja whats app-Nachrichten über den Tisch hin- und herschicken…

Vielleicht wäre es erstrebenswert, seine Mitmenschen wahrzunehmen, sie anzulachen und ein Gespräch zu führen.

Hätte man mir vor zwanzig Jahren gesagt, es wird einmal ein besonderer Vorsatz sein, sich am Tag 15 Minuten Zeit zu nehmen und nichts, aber auch gar nichts zu machen, nicht lesen, nicht schreiben, so hätte ich das belächelt.

Heute merke ich, dass es das ist, was das Menschsein ausmacht: Ruhe finden – ohne technische „Hilfsmittel“ …

(Gastautorin: Lamya Kaddor ist deutsche muslimische Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin syrischer Herkunft. Kaddor ist erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, Quelle Wikipedia)


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