
Ich heiße Meryem Bavli und bin 28 Jahre alt.
Ich möchte Ihnen heute über meine Schullaufbahn und meine damit verbundenen Ziele berichten.
Ich bin im Winter 1989 / 90 mit meiner Familie aus Cizre, einer kleinen Stadt im Südosten der Türkei, nach Deutschland gekommen. Der Hauptgrund unserer Ausreise aus unserer Heimat war zum einen die dort herrschende Armut und zum anderen der Krieg, der seit Jahrzehnten fast unverändert weitergeführt wird. Damals war ich sieben Jahre alt und konnte kein Wort Deutsch sprechen. Wir bekamen eine Wohnung in Braubach, einer Stadt in der Nähe von Koblenz. Der Ort ist sehr schön, ganz besonders, weil er am Rhein liegt und in der Umgebung die bekannte Marksburg ist, die vor allem im Sommer viele Menschen anlockt.
Zu unserem Pech waren wir hauptsächlich nur unter ausländischen Mitbürgern, so dass es für uns fast unmöglich war, die für uns neue Sprache zu lernen. Doch das Blatt wendete sich, nachdem meine Schwester und ich zusammen eingeschult wurden: Weil wir immer noch kein Deutsch sprachen, beschloss unsere Klassenlehrerin, uns zweimal in der Woche mit nach Hause zu nehmen, damit wir uns mit ihrer gleichaltrigen Tochter anfreundeten und so die neue wichtige Sprache lernen konnten. Nach langem Zögern ließ unsere Mutter es zu: Da wir erst seit wenigen Monaten in diesem fremden Land lebten und weder Einheimische, noch das Land an sich kannten, konnte meine Mutter nicht verstehen, weswegen eine wildfremde deutsche Frau sich so sehr um ihre Kinder kümmerte.
Wir fuhren also zu unserer Lehrerin und lernten ihre Tochter Eva kennen. Auch für uns war es ungewohnt, jetzt noch „zusätzlich“ unsere Nachmittage bei einer deutschen Familie zu verbringen. Doch mit der Zeit gewöhnten wir uns daran und pflegten eine sehr schöne Freundschaft mit Eva und ihre Freundinnen. Nach 2 Jahren sprachen wir besser Deutsch als die anderen Kinder in unserer Nachbarschaft.
Weil unseren Eltern das deutsche Schulsystem völlig fremd war, kamen wir nach der Grundschule auf die sich an der gleichen Schule befindenden Hauptschule: In der Heimat gab es dieses Schulsystem nicht. Es gab nur eine Schule für alle Kinder. Und meine Eltern dachten, dass es hier wahrscheinlich genauso ist. Nachdem sie wussten, dass man die Kinder auch auf eine bessere Schule schicken kann, fiel es ihnen schwer, uns jeden Tag alleine mit dem Bus zur Schule zu schicken. Wahrscheinlich kamen diese Bedenken daher, dass sie in der eigenen Heimat keine Sicherheit gefunden hatten und es ihnen schwer fiel zu glauben, dass man diese Sicherheit in Deutschland hatte. Außerdem fiel es ihnen schwer, uns in einen anderen Ort zu Schule zu schicken.
Einige Monate später mussten wir umziehen. Doch leider war es nun nicht mehr möglich, von der Hauptschule auf die Realschule zu wechseln. Leider kann ich nichts Genaues dazu sagen. Es wurde nur gesagt, dass es nicht mehr möglich und sowieso besser sei, wenn wir weiterhin auf der Hauptschule blieben.
Im Laufe der Zeit fiel mir der Unterrichtsstoff sehr leicht, und da ich auch gute Noten bekam, fing ich an, mir ernsthaft Gedanken über meine Zukunft zu machen: Ich wollte etwas erreichen, womit ich auch anderen helfen könnte. Und der einzige Weg dahin war ein guter Abschluss.
In der 7. Klasse dann mussten wir einen vom Arbeitsamt durchgeführten Eignungstest machen, um uns beraten zu lassen, welcher Beruf am besten zu uns passen könnte. In Einzelgesprächen wurde uns das Ergebnis mitgeteilt, danach bekamen wir Tipps, für welche Berufe wir uns später bewerben könnten. Als ich an die Reihe kam, sagte man mir, dass mein Test besser ausgefallen war als der vieler meiner deutschen Klassenkameraden. Auf die Frage, ob ich mir Gedanken über meine Zukunft gemacht hätte, antwortete ich „Ich will studieren!“. Danach entstand eine Weile Stille.
Nun versuchte man mir zu erklären, dass es vernünftiger sei, mir die Sache mit dem Studieren aus dem Kopf zu schlagen. Doch für mich war das undenkbar. Ich dachte, ich höre nicht richtig: Statt mich zu unterstützen, statt mir zu sagen, was für eine gute Entscheidung ich damit getroffen habe, sollte ich mir Gedanken darüber machen, welche Ausbildung mit einem HAUPTSCHULABSCHLUSS für mich mehr in Frage käme. (Natürlich ging mir auch eine weitere Sache durch den Kopf: Egal, wie sehr ich es drehte und wendete, ICH WAR EIN AUSLÄNDISCHES KIND. Dieser Gedanke kam nicht durch Vorurteile. Denn sowohl einige unserer Schulkameraden, als auch Leute aus unserer Nachbarschaft, hatten uns fühlen lassen, dass wir NICHT WIE SIE waren.)
Es war inzwischen zu meinem größten Ziel geworden, es bis zum Studium zu schaffen. Da ich nicht locker ließ, versuchte man mich in diesem Gespräch auf die Schwierigkeiten, die mir bevorstanden, hinzuweisen, und mich immer noch für andere Ausbildungen und Berufe zu begeistern. Aber das Ergebnis meines Tests war für mich ein weiterer Ansporn, an meinen Zielen festzuhalten.
Zwei Jahre später machte ich meinen Hauptschulabschluss als Jahrgangsbeste …
Wieder zogen wir um. Diesmal fanden wir eine Wohnung im Rhein-Main-Gebiet, bei Darmstadt. Ich wechselte auf die Realschule und musste dadurch die 9. Klasse wiederholen. Da ich auf der Hauptschule außer Englisch keine weitere Fremdsprache gelernt hatte, musste ich jetzt zusätzlich Französisch lernen, um meine Mittlere Reife zu machen. Während dieses Schuljahres ging ich zusätzlich zur Nachhilfe, um mit der Zeit mit meinen Klassenkameraden auf einen Stand zu kommen. Auch mein Abschluss in der Mittleren Reife war ein weiterer Ansporn für mich, weiterhin an meinen Zielen festzuhalten.
Fortsezung folgt am Sonntag 4. September 2011.
(Gastautoren: Meryem Bavli & Annette v. Spiegel | Bild: Meryem Bavli | Bildbearbeitung: A. Korkis | Quellen: http://de.wikipedia.org )
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