InteGREATer: Damit Träume wahr werden: Ümmühan Ciftci macht jungen Migranten Mut

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gepostet am : 17-09-2013 | von : m_weiss | Kategorie : Förderung, Soziales Engagement
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Jung, ehrgeizig, engagiert: Ümmühan Ciftci studiert Medizin und hat einen Verein gegründet, der Migrantenkindern und ihren Eltern zeigen will, wie wichtig Bildung ist. Motto: „Du kannst dein Ziel erreichen! Wenn wir es geschafft haben, schaffst du es auch“.

Team von InteGREATer e.V.

Stadt Frankfurt am Main (pia). Die Familie türkischstämmig. Der Vater Bauarbeiter. Die Mutter Hausfrau mit fünf Kindern. Die Tochter: nicht geeignet für den höheren Bildungsweg. Die Lehrerin gab ihr eine Hauptschulempfehlung. Das Mädchen heulte sich die Augen aus dem Kopf. „Ich wollte Medizin studieren. Und ich hatte aufgeschnappt: Wer studieren will, muss aufs Gymnasium gehen, nicht auf die Hauptschule“, erzählt Ümmühan Ciftci.

Träume haben, Ziele erreichen
Ümmühan Ciftci, 24, schaffte es gegen die Empfehlung der Lehrerin aufs Gymnasium, wurde Stipendiatin der Hertie-Stiftung, studiert heute Medizin in Marburg, Chirurgin will sie werden. Doch das verträgt sich schlecht mit ihrem ehrenamtlichen Engagement: Vor drei Jahren gründete Ümmühan Ciftci, genannt Ümmü, in Frankfurt den Verein InteGreater. Ihr Ziel: Migrantenkindern zeigen, wie wichtig Bildung ist, ihnen Mut machen, ihre Träume vom Studium, der Handwerkslehre, der Bankausbildung wahrzumachen. Und sich dabei nicht von Lehrern beeindrucken zu lassen, die einem eine Hauptschulempfehlung ausschreiben, nur weil man einen türkischen, kroatischen oder pakistanischen Namen trägt. „Du kannst dein Ziel erreichen! Wenn wir es geschafft haben, schaffst du es auch“ steht in großen Lettern auf den Plakaten von InteGreater.


Ihre Eltern machen sie stark
Ihr habt es einfach schwieriger. Diesen Satz sagte die Lehrerin damals zu Ümmüs Mutter. Ümmü selbst war dabei, als es darum ging, die Lehrerin zu überzeugen, wie viel in dem Mädchen steckt. „Meine Mutter verstand nicht immer alles. Sie nahm mich zu den Gesprächen mit, damit ich für sie übersetzen konnte.“ Die Mutter hatte sich in der Türkei das Lesen und Schreiben selbst beigebracht, der Vater träumte von einem Studium, als er in den 1970ern nach Kassel kam, arbeitete dann aber auf dem Bau. „Sie sind keine Akademiker, fürchteten, mir nicht helfen zu können, wenn ich in der Schule nicht mitkomme“, erzählt die Studentin. „Aber sie haben immer an mich geglaubt und mich unterstützt.“

Gespräche als Initialzündung
An diesem Punkt setzt InteGreater an. Rund 150 junge Leute, die wie Ümmü ausländische Wurzeln haben, sich während ihrer Schulzeit und auch heute noch über allgegenwärtige Vorurteile hinweggesetzt haben, erzählen Eltern und Schülern ihre Erfolgsgeschichte. „Wir sind keine Psychologen oder Pädagogen“, erklärt Ümmü. Die Arbeit des Vereins soll eine Initialzündung sein, Eltern und Schüler zum Nachdenken anregen. „Außerdem haben wir ein großes Netzwerk und wissen, wo man weiterführende Hilfe wie Berufsberatung oder Nachhilfe bekommt“, ergänzt Constanze Matthiesen, eine von zwei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Vereins. Die InteGreater-Veranstaltungen finden in Schulen statt, in Moscheen, Stadtteil- oder Frauenzentren. Der Verein arbeitet in Frankfurt unter anderem mit dem Amt für Multikulturelle Angelegenheiten und der Polytechnischen Gesellschaft zusammen.

Geschichten, die bewegen
Die Gespräche mit Eltern und Schülern finden immer getrennt statt. Weil die Fragen, die sie beschäftigen, andere sind. Eltern wollen wissen, wie sie ihr Kind motivieren können, wie sie helfen können, wenn sie selbst keine ausreichende Schulbildung genossen haben. Oder wie sie mit Lehrern und anderen Eltern umgehen sollen. „Wir haben schon Geschichten gehört von Leuten, deren Kindern seit Jahren dieselbe Klasse besuchen, die aber noch nie miteinander gesprochen haben“, sagt Ümmü. Schüler wiederum erzählen von ihren Ängsten. Ich traue mir nicht zu, Abitur zu machen. Wie soll ich eine Lehrstelle finden, wenn ich schon wegen meines Namens kritisch beäugt werde? Wie soll ich es zu etwas bringen, wenn ich der einzige in der Familie bin, der morgens aufsteht, und meinen Eltern egal ist, was aus mir wird?

„Eltern und Schüler können mit uns so offen reden, weil wir aus ihrer Mitte kommen, ihre Probleme kennen“, sagt Ümmü. Auch sie wurde unterschätzt. Auch sie stößt heute noch jeden Tag an Grenzen. Für ihre Zimmersuche in Marburg hat die junge Frau einen falschen Namen angegeben, weil sie mit ihrem türkischen keines gefunden hätte. Migranten, stellt sie immer wieder fest, müssen sich in allen Bereichen mehr anstrengen. „Aber davon lasse ich mich nicht kleinkriegen“, sagt sie bestimmt.

Wolfgang Schäuble war der Auslöser
Auf die Idee, anderen mit gutem Beispiel voranzugehen, brachte sie ein Lehrer ihres Gymnasiums. Er schlug vor, Ümmü solle Ansprechpartnerin für andere Migranten werden. Später empfahl er sie für ein Start-Stipendium der Hertie-Stiftung. Hier lernte sie ihren Mentor Jochen Sauerborn, den ehemalige UBS-Vorstandsvorsitzenden kennen, heute nennt sie ihn ihren deutschen Papa. Als Stipendiatin wurde sie vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler eingeladen, kurz nach dem Abitur hatte Ümmü zusammen mit drei Freunden an ihrer alten Schule eine Diskussionsrunde für Eltern mit ausländischen Wurzeln organisiert. Im Jahr 2009 war Ümmü Gast einer Podiumsdiskussion mit Bundesminister Wolfgang Schäuble. Thema: Migranten und Bildung. „Nach dem Gespräch sagte Herr Schäuble zu mir: ,Erzähl deine Geschichte nicht uns, erzähl sie den Eltern anderer Kinder. Gründe einen Verein, Mädchen!“ Mit der Unterstützung von Jochen Sauerborn fand Ümmü Förderer für ihre Idee, 2010 gründete sie InteGreater.

Ümmühan Ciftci am Schreibtisch

Elf Standorte in fünf Bundesländern
„Inzwischen haben wir Regionalgruppen an elf Standorten in fünf Bundesländern. Aber in Frankfurt sind wir am aktivsten“, sagt Constanze Matthiessen. „Ohne Connie ginge hier gar nichts“, ruft Ümmü und lacht. Constanze „Connie“ Matthiesen kümmert sich um Papierkram, um Schulungen für neue InteGreater und manchmal auch um Bahntickets für die Vereinsgründerin. Ümmü ist eine viel gefragte Frau, hat einen vollgepackten Terminkalender: Studium, Nebenjob, Vereinsarbeit. „Ich möchte so viel, habe so viel Energie“, sagt sie. Auch wenn die Arbeit von InteGreater für sie eine Herzenssache ist, ihr Medizinstudium steht an erster Stelle: „Wenn ich mich hier nicht anstrenge, werde ich nicht dem gerecht, wofür unser Verein steht.“ Dass sie nicht alles auf einmal schaffen kann und Grenzen ziehen muss, hat Ümmü bei ihrer ersten wichtigen Medizinprüfung gelernt. „Ich bin durchs Physikum gerasselt, habe darüber mein Stipendium verloren und war danach auch nicht mehr Bafög berechtigt.“ Das Aufstehen nach dieser Niederlage habe sie viel Kraft gekostet.

Erfolg und Bodenhaftung
Erlebnisse wie diese und auch ihre Eltern sind es, die Ümmü nicht abheben lassen. „Meine Eltern achten sehr darauf, dass ich bodenständig bleibe.“ Im März dieses Jahres wurde Ümmü für ihr Engagement bei einer Gala in Berlin mit der Goldenen Bild der Frau ausgezeichnet, der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Am nächsten Tag, wieder zu Hause in Kassel, drückte Mutter Ciftci der Tochter einen Wischmopp in die Hand. „Ümmü“, sagte sie, „gestern hattest du genug Glamour, heute ist wieder alles normal.“


(Autor: Anja Prechel  / Quelle: Stadt Frankfurt am Main/ Fotos: Stefan Maurer/PIA Frankfurt am Main)


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