
Von Kairo aus verfolge ich die Ereignisse in Deutschland nur teilweise. Ich bin besonders aufmerksam, wenn es sich um Integrationsthemen in den Medien handelt. Ich werde Ihnen eine eher persoenliche Meinung zu diesem Thema mitteilen: Mit der Aeusserung „Der Islam gehoert zu Deutschland“ in einer Zeit, in der Muslime kaum einen Tag erleben, an dem sie nicht mit antimuslimischen Rassismus konfrontiert sind, ist das eine Auesserung, die wirklich mutig ist, aber auch richtig. Auch in seiner Weihnachtsansprache hatte Wulff bei mir – als Deutsche mit tuerkischen Wurzeln – besonders gepunktet. Es waren positive MItteilungen, die meiner Seele gut taten. Man hatte das Gefuehl, dass eine faire Integration in Deutschland doch eine Chance hat.
Trotzdem halte ich diesen Ruecktritt fuer notwaendig. Viele Mitglieder meines facebook-Netzwerkes bedauern diesen Ruecktritt. Ich bedauere nicht seinen Rücktritt, sondern, dass ein Mann, der diese Politik vertreten hat, gleichzeitig ein Mann ist, der auf Integritaet offenbar nicht besonderen Wert gelegt hat. Ich hoffe, dass diese Politik, die fuer Offenheit und Pluralitaet steht, keinen Schaden davon genommen hat und, dass sie von den Nachfolgern weitergeführt wird.
Viele Gruesse aus Kairo
Ayşe Yıldız (عائشة يلدز)

Die ganze Zeit über hatte ich gemischte Gefühle, was die Informationen über Wulff und seitens des Bundespräsidenten betraf. Das liegt in der Natur der Sache, wenn mögliche menschliche Fehler mit einem so hohen Amt in Berührung kommen.
1. weiß man ja nie so genau, welche Informationen glaubwürdig sind und wer mit seinen Äußerungen welche Interessen immer vertritt.
2. habe ich einen hohen Respekt vor dem höchsten Amt in der Bundesrepublik Deutschland; ich konnte und kann die zur Zeit getätigten Äußerungen nicht nachvollziehen, die auf eine Abschaffung dieses Amtes zielen. Wir alle sind nur insofern Bundespräsident, als wir einen unser würdigen Vertreter haben. Mehr noch, einen solchen Vertreter, von dem wir uns Orientierung erwarten, wenn wir selbst gefehlt haben. Das Amt also gilt es zu schützen, um unserer selbst willen.
3. Auch ein hoher Würdenträger ist nicht davor gefeit, Fehler zu begehen. Dann aber hat er ein Anrecht auf rechtliche Klärung der persönlichen Belange. Dieses Anrecht gilt es zu schützen. Je länger sich das ganze Drama hinzog, je sprachloser ich wurde, desto unwohler fühlte ich mich. Zu guter letzt bin ich heilfroh, dass der Bundespräsident mit seinem Rücktritt den Weg freigemacht hat zur rückhaltlosen Klärung aller Vorwürfe. Zugleich beendete er damit eine missliche Situation, in welcher Gerüchte um seine Person das Ansehen des Amtes in Mitleidenschaft ziehen konnten.
Sein Rücktritt war nun fällig – jenseits aller parteipolitischen Interessen und Überlegungen. Und ich wünsche mir, dass vieles von dem, was der Bundespräsident gesagt hat, in Erinnerung bleibt. Seine Worte zum Islam in Deutschland, zum Christentum in der Türkei und zur Integration von Migranten in unser Rechtsverständnis liegen mir als Vertreter des Christentums besonders am Herzen. Nein, wir haben derzeit keine Staatskrise, sondern sind gerufen, nach zwei unvollendeten Amtsperioden das höchste Amt im Staate zu ehren.
Bernd Schade, ev. Pfarrer in Berlin
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(Gastautoren: Ayse Yildiz und Bernd Schade / Bildbearbeitung: A. Damayanti)