Odysseus? Nein: Mohammad aus dem Iran

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gepostet am : 03-10-2011 | von : c_amrhein | Kategorie : Erfahrungsberichte, Gastautor
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In der Kolumne Hier bin ich Mensch, hier darf ich (‘s) sein“ erzählt unsere externe Redakteurin Annette v. Spiegel von jungen Menschen, die es aus fernen Ländern nach Deutschland verschlagen hat. Oft haben sie viel Leid erfahren und einen harten Weg hinter sich. Aber sie haben viel Hoffnung im Gepäck. Kann man in Deutschland auf Ausbildung, persönliche Entwicklung und, vielleicht später, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen?

Odysseus? Nein: Mohammad aus Schiraz
Heute geht es um Mohammad. Den kennt ihr ja schon aus meinem Bericht über die Arbeit mit den jugendlichen Flüchtlingen. Er war nie in meinem Unterricht, weil er dazu nicht eingeteilt worden war. Aber er kam manchmal in den Pausen zu Besuch oder begleitete die anderen zum Kurs, der sonntags stattfand: Immer hatte er eine Bibel unter dem Arm, weil er nachmittags noch in die Kirche gehen wollte. Das hat mich immer irritiert, weil der Junge nicht aussieht wie Jugendliche hier, die sonntags einen Gottesdienst besuchen würden. Und zweitens, weil er Mohammad heißt – also wie Mohammed, der Religionsstifter und Prophet im Islam :).

Er erzählte mir irgendwann mal, als wir uns etwas länger kannten, seine Geschichte … und mit seiner freundlichen Erlaubnis darf ich sie EUCH weitererzählen.


Bibel auf Farsi

Mohammad = Mo
Mohammad, ich nenne ihn Mo, ist jetzt 19. Und kommt aus dem Iran. Aus Schiraz, im Süden des Landes. Diese Stadt ist neben Isfahan und Teheran einer der Orte des Landes, die man als Tourist besucht (gebt mal „Schiraz“ in eine Internet-Suche ein, klickt auf  Bilder, und Ihr werdet sehen, wie schön es da ist …). Die persische Kultur ist nicht umsonst seit Jahrhunderten berühmt für ihre Kunstwerke. Das wird manchmal ganz vergessen (oder ist womöglich sowieso unbekannt), wenn man den Iran nur aus den Nachrichten kennt.

Der Schmerz
Seine Geschichte nimmt ihren Lauf mit der Trennung der Eltern: Nach islamischem Recht – bzw. der Entscheidung der Richter in der Heimat dieses jungen Mannes – bekam die Mutter die jüngeren Geschwister zugesprochen, Mohammad kam als ältester Sohn zum Vater. Bis heute weiß er nicht, wo er sie finden kann …
Nie werde ich vergessen, wie er und sein Freund vor rund einem Jahr ein Lied hörten, in dem es um Mutter geht, die nicht mehr da ist. Und wie diese jungen Männer – Converse-Sneaker und Gel im Haar – wirklich Rotz und Wasser heulten, weil sie ihre Mütter so vermissten. Sie baten mich, etwas allein sein zu können. Ich hörte sie lange tief weinen und sich halten. Es tat so weh, sie so zu erleben …

Ich und meine Tasche
Zurück in den Iran: Mo war gerade dabei, die Hauptschule zu beenden, um dann eine weiterführende Schule zu besuchen: Er wollte gern Buchhalter werden. Seine Augen leuchten hingebungsvoll, wenn er sagt „Ich mag Mathe!“ 🙂 Aber es stellte sich heraus, dass sein Vater schon eine ganze Weile die Miete nicht bezahlt hatte, und so mussten sie plötzlich aus der Wohnung ausziehen. Dessen nicht genug, machte sich der Mann auch noch aus dem Staub, und Mo stand alleine da. Aber er hatte Glück: Er lernte einen jungen Mann aus wohlhabender Familie kennen, und dort konnte er auch wohnen: „Nur ich und meine Tasche“, beschreibt er das, leise lächelnd.

Schule? Keine Zeit
Man versuchte dann, eine Bleibe für ihn zu finden, die nicht nur für den Übergang ist, und so bekam er schließlich Wohnung und Arbeit auf einer Baustelle des Onkels dieser Familie. Damit hatte er allerdings auch keine Zeit mehr, eine Schule zu besuchen. Die Situation war gut, breit strahlt er, wenn er sich zurückerinnert und sagt „Wohnung und alles, das war perfekt“.

Natürlich freundete er sich mit den Nachbarn an. Da gab es Amin, und auch sie wurden gute Freunde. Amin ist einer der vielen jungen Menschen, die sich einen anderen Iran wünschen und dafür auch auf die Straße gehen. (In diesem Zusammenhang möchte ich gern auf den sehr gut gemachten Film „The Green Wave“ hinweisen, der dieses Jahr in Deutschland angelaufen ist und auch den Grimme-Preis erhielt! Wer das Thema mit Rap untermalt haben möchte … ). Kaum jemandem dürfte z. B. entgangen sein, als das Mädchen Neda 2009 während einer Demonstration in Teheran erschossen wurde…


Interesse an  Teil 2und Teil 3 , kein Problem nur klicken.

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(Autorin: A. von Spiegel / Photo: Archiv v. Spiegel / Thumb: Wikipedia_Schiraz / Bildbearbeitung: C. Amrhein)

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